EIN ORT ZWISCHEN HIMMEL UND ERDE
Lesezeit ca. 5 Minuten Freitag, 14.08.2026

Kapelle des Weißen Lichts am Pitztaler Gletscher

Auf knapp 2.900 Metern steht ein besonderer Ort der Ruhe, Dankbarkeit und Besinnung. Die Kapelle des Weißen Lichts verbindet Kunst, Architektur und Natur – umgeben von der eindrucksvollen Bergwelt des Pitztaler Gletschers.

Ein weißer Kristall inmitten der Bergwelt

Nur wenige Gehminuten vom Bergrestaurant Kristall entfernt hebt sich eine leuchtend weiße Skulptur deutlich vom dunklen und rötlichen Gestein der Umgebung ab: die Kapelle des Weißen Lichts.

Ihre klare Form, der weiße Carrara-Marmor und das Spiel des einfallenden Lichts machen sie zu einem außergewöhnlichen Kunstwerk. Gleichzeitig ist sie ein Ort, an dem Besucher*innen innehalten, zur Ruhe kommen und die hochalpine Landschaft bewusst wahrnehmen können.

Die Kapelle soll die Natur nicht überragen. Vielmehr tritt sie mit ihr in einen stillen Dialog.

Aus Dankbarkeit entstanden

Die Idee zur Errichtung der Kapelle entstand aus Dankbarkeit. Die Gesellschafter der Pitztaler Gletscherbahn wollten damit zum Ausdruck bringen, dass die Erschließung des Pitztaler Gletschers ohne schwere Zwischenfälle und Unfälle gelungen war.

Gleichzeitig sollte ein Ort geschaffen werden, der die Ehrfurcht vor der Natur und der Bergwelt zum Ausdruck bringt. Denn sie prägt nicht nur die Landschaft, sondern bildet seit Generationen auch einen wichtigen Lebens- und Wirtschaftsraum für die Menschen im Pitztal.

Seit 1998 steht die Kapelle des Weißen Lichts als sichtbares Zeichen dieser Dankbarkeit am Pitztaler Gletscher.

Geschaffen von Rudi Wach

Entworfen wurde die Kapelle vom Tiroler Bildhauer und Zeichner Rudi Wach. Der 1934 in Hall in Tirol geborene und in Thaur aufgewachsene Künstler lebt und arbeitet seit vielen Jahren in Mailand.

Rudi Wach verstand die Kapelle nicht einfach als Gebäude, sondern als eigenständige Skulptur. Sie sollte sich in die weiße Bergwelt einfügen, ohne mit der von der Natur geschaffenen Landschaft in Konkurrenz zu treten.

Bis die endgültige Form gefunden war, vergingen mehrere Jahre. Zahlreiche Gespräche, Entwürfe und wieder verworfene Ideen waren notwendig, bevor die Form der Kapelle, die Auswahl des Steins sowie die Gestaltung von Altar, Portal und Kreuz feststanden.

180 Bausteine aus Carrara-Marmor

Ursprünglich war geplant, die Kapelle vollständig aus massiven Marmorquadern zu errichten. Der Transport der schweren Blöcke, die Kosten und die besonderen Bedingungen in dieser Höhenlage machten diese Idee jedoch kaum umsetzbar.

Die Lösung fand der italienische Ingenieur Grassi: Eine Konstruktion aus Nirosta-Stahl bildet das tragende Grundgerüst der Kapelle. Daran wurden insgesamt 180 Bausteine aus weißem Carrara-Marmor befestigt.

Von außen entsteht dadurch der Eindruck eines massiven, aus Stein geschaffenen Bauwerks. Einzelne Marmorblöcke wiegen bis zu 3.370 Kilogramm und mussten eigens auf den Berg transportiert werden.

Die gesamte Konstruktion ist 8,20 Meter hoch. Ihr weißer Stein bildet je nach Wetter, Jahreszeit und Lichteinfall einen eindrucksvollen Kontrast zur umgebenden Gletscher- und Felslandschaft.

Ein Portal aus Titan

Den Eingang bildet ein 3,70 Meter hohes und rund zwei Tonnen schweres Portal aus Titan. Seine markante Gestaltung führt in einen Innenraum, der mit einer Größe von 4,60 mal 3,80 Metern bewusst klein und zurückhaltend gehalten ist.

Über dem Eingang befindet sich ein goldenes Kreuz. Es wirkt, als wäre es gerade dabei, sich wie eine Blüte zu öffnen. Das Kreuz soll Dankbarkeit gegenüber der Schöpfung, dem Gletscher und der Bergwelt ausstrahlen.

Gerade die Verbindung aus Carrara-Marmor, Nirosta-Stahl, Titan und farbigem Glas verleiht der Kapelle ihren unverwechselbaren Charakter.

Der Altar als Mittelpunkt

Im Zentrum des Innenraums steht ein fast eine Tonne schwerer Altar aus Carrara-Marmor. Er bildet den ruhenden Mittelpunkt der Kapelle und verbindet symbolisch Erde und Licht.

Trotz der überschaubaren Größe können sich Besucher*innen um den Altar versammeln. Der Raum wirkt geschützt und geborgen, während die Bergwelt draußen durch die Nähe und die Höhenlage ständig spürbar bleibt.

Hier finden Gottesdienste, Dankesfeiern und besondere persönliche Momente statt. Gleichzeitig steht die Kapelle allen offen, die für einige Minuten Stille suchen.

Wenn das Licht zu tanzen beginnt

Besonders eindrucksvoll sind die kleinen farbigen Fenster über dem Altar. Das einfallende Sonnenlicht wird durch sie gebrochen und erzeugt im Inneren immer neue Farben und Stimmungen.

Je nach Tageszeit, Wetter und Sonnenstand wandern farbige Lichtflächen über Wände, Boden und Altar. Kein Besuch gleicht dadurch genau dem anderen.

Aus diesem Zusammenspiel von weißem Stein und farbigem Licht leitet sich auch der besondere Charakter der Kapelle ab: außen klar und leuchtend, innen warm, farbenreich und geschützt.

Ein Weg zum Innehalten

Rund um die Kapelle führt ein leicht begehbarer Meditationsweg. Mehrere Stationen laden dazu ein, bewusst stehen zu bleiben, die Umgebung wahrzunehmen und den Blick über die Bergwelt schweifen zu lassen.

Für den Rundweg sollte man ungefähr 15 Minuten einplanen. Doch eigentlich geht es hier weniger um Gehzeit oder Entfernung. Es geht darum, sich Zeit zu nehmen.

Inmitten einer Landschaft, die von mächtigen Bergen, Felsen, Eis und ständig wechselndem Wetter geprägt ist, eröffnet die Kapelle einen geschützten Raum für persönliche Gedanken.

Tradition am Ende des Winters

Seit der Errichtung der Kapelle ist der Dankgottesdienst am Ende der Wintersaison zu einer besonderen Tradition geworden. Mitarbeiter*innen, Einheimische und Gäste kommen zusammen, um für die zurückliegende Saison und den unfallfreien Betrieb zu danken.

Damit erfüllt die Kapelle bis heute genau jene Aufgabe, für die sie geschaffen wurde: Sie verbindet Dankbarkeit, Gemeinschaft und Respekt vor der Bergwelt.

Ein neu gestalteter Platz für Begegnungen

Im Sommer 2026 wurde auch der Vorplatz der Kapelle neu gestaltet. Dadurch erhält das sakrale Kunstwerk einen würdigen und einladenden Rahmen, der Besucher*innen zusätzlichen Raum zum Verweilen bietet.

Am 23. August 2026 wird der neu gestaltete Kapellenvorplatz feierlich eingeweiht. Die Einweihung erfolgt durch Pfarrer Thomas Ladner. Für die musikalische Umrahmung sorgen der Männerchor Oberperfuss und die Oberländer Alphornbläser.

Der neu gestaltete Platz soll aber weit über diesen besonderen Tag hinaus wirken: als Ort der Begegnung, der Ruhe und des gemeinsamen Innehaltens.

Die Kapelle in Zahlen

  • errichtet im Jahr 1998
  • Standort auf knapp 2.900 Metern
  • entworfen von Rudi Wach
  • 8,20 Meter hohe Konstruktion
  • Grundgerüst aus Nirosta-Stahl
  • 180 Bausteine aus Carrara-Marmor
  • einzelne Steinblöcke mit bis zu 3.370 Kilogramm
  • 3,70 Meter hohes Portal aus Titan
  • Gewicht des Titanportals: rund 2 Tonnen
  • Innenraum: 4,60 × 3,80 Meter
  • Altar aus Carrara-Marmor mit fast einer Tonne Gewicht
  • rund 15 Minuten Gehzeit für den Meditationsweg

Fünf Minuten entfernt – und doch eine andere Welt

Von der Bergstation des Gletscherexpress und dem Bergrestaurant Kristall ist die Kapelle in ungefähr fünf Gehminuten erreichbar. Sie ist während der Betriebszeiten des Pitztaler Gletschers geöffnet und kann im Sommer wie im Winter besucht werden.

Wer durch das Titanportal tritt, lässt die Betriebsamkeit des Skigebietes für einen Moment hinter sich. Zurück bleiben Stille, farbiges Licht und der Blick auf eine Landschaft, die größer ist als der Alltag.

Die Kapelle des Weißen Lichts ist deshalb nicht nur ein außergewöhnliches Kunstwerk. Sie ist ein Ort, der daran erinnert, aufmerksam und respektvoll mit der Natur, den Bergen und miteinander umzugehen.

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